autor: alteheide 31.03.04

Winter-Sommer III

l 1. März, zurück in La Antigua Guatemala

Meine schwarzen Schuhe sind inzwischen ziemlich abgelatscht, und eine dicke Staubschicht hat sich auf der Oberfläche festgesetzt. So gerate ich zunehmend ins Visier der hier in Antigua geballt auftretenden Schuhputzergilde. Ich stehe in einem Buchladen, als mich ein kleiner Junge anspricht. Anfangs denke ich, ich stehe im Weg, aber dann wird mir klar, dass es der Bub auf meine Schuhe abgesehen hat. Er fleht mich förmlich an, mir die Schuhe putzen zu dürfen. Ich sage nein, doch der Junge lässt nicht locker. Irgendwann geht er dann doch weg, allerdings nur um zwei Minuten später zurückzukehren. Er kann es offensichtlich weder glauben noch akzeptieren, dass sich jemand mit so verstaubten Schuhen selbige nicht putzen lassen will. Er sieht mich mit großen Augen an. Ich weiß, dass der Junge zu dieser Tageszeit eigentlich in der Schule sein müsste, wenn er denn zur Schule ginge. (Wenn seine Eltern ihn nicht zum Geldverdienen auf die Straße schicken würden.) Oder dass es sich vielleicht auch ganz anders verhält. Das ist der eine Punkt. Darüber hinaus ist mir die Vorstellung höchst zuwider, mir von irgendjemandem (noch dazu für 20 Cent) die Schuhe putzen zu lassen. Völlig indiskutabel, wenn es sich bei diesem Jemand auch noch um ein Kind handelt. Andererseits habe ich Mitleid, und seine Familie könnte das Geld bestimmt gut gebrauchen.
Es gibt Dinge, die kann man nur falsch machen.

l Auf dem Markt

Ein ungeheuerliches Gewusel, Geschrei, Gefeilsche; absonderliche, manchmal auch abscheuliche Gerüche; enge Gänge, in denen die unterschiedlichsten Waren angeboten werden; ein Irrgarten im positiven Sinne, mit nur sehr geringer Aussicht, den Stand, den man einmal entdeckt hat, jemals wiederzusehen: es ist Markt in Antigua – jeden Tag.
Fußballtrikots gibt es hier massenweise, billige Piratenprodukte für ca. fünf bis sieben Euro. Finde ich gut, weil ich 60 Euro für ein Original einfach scheiße finde. Ich gehe also an einen Stand, sehe ein schönes Trikot der guatemaltekischen Nationalmannschaft und probiere es an, passe aber nicht hinein. Größe L fällt halt je nach Land doch sehr unterschiedlich aus. Ich frage, ob das Hemd auch noch in XL zu haben ist. Textilstapel werden durchsucht, hin- und hergewendet, aber leider ohne Erfolg. Der Verkäufer nimmt das Trikot mit, und bittet um einen Moment Geduld. Nach ca. drei Minuten kehrt er zurück – augenscheinlich mit dem selben Shirt, in das er jedoch in Windeseile ein neues Label, Größe XL, eingenäht hat! Ich probiere das Trikot höflichkeitshalber noch einmal an, aber irgendwie will es immer noch nicht so richtig passen. Seltsam.

l Am Atitlansee, 6. März, morgens um acht

Wieder einmal treibt mich die Sucht ins Internetcafé. St. Pauli verliert am Millerntor gegen Wuppertal. Aber das ist in diesem Moment Nebensache, denn: Rocco Clein ist tot. Gestorben Anfang Februar an einer Hirnblutung. Ich erfahre es erst jetzt, weil ich auf intro.de etwas über ein Benefizkonzert für Cleins Kinder lese. Rocco Clein - Viva2-Moderator, DJ, Journalist, Musikjunkie - verfasste unter anderem eine Kolumne fürs Intro namens „Heute, morgen, übermorgen“. Eine Art Tagebuch, an dessen Form ich mich in „Winter-Sommer“ (dessen ersten Teil ich zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben und abgeschickt hatte) anlehne.
Rocco Clein war 35, als er starb. R.I.P.