23.04.05
Ionikos Nikea – PAOK Saloniki 1:1
Neapoli-Stadion, Athen
autor:
alteheide

 

Ob man Fußball nun mag oder nicht: Wenn man Urlaub in einem fremden Land macht und sich ernsthaft für die hiesige Kultur interessiert, ist es unabdingbar, dort ein Fußballspiel zu besuchen. Es gibt allerhand zu entdecken.

Beispielsweise Polizisten, die nett sind. Zu Ausländern! Der Staatsdiener jedenfalls, der unsere Taschen am Einlass kontrollierte, konnte sich wohl überhaupt nicht vorstellen, dass eine Frau aus Deutschland freiwillig einem griechischen Erstligaspiel beiwohnt - noch dazu in Nikea, einer unscheinbaren Wohngegend irgendwo im Häusermeer des Riesenkonglomerats Athen-Piräus. Wohl aus tiefer Empathie heraus behandelte er meine Freundin daher derart zuvorkommend, dass ich ihn einen Moment lang in Verdacht hatte, lediglich ein als Polizist verkleideter Heilsarmeepraktikant zu sein. Und so kam es, dass wir als Einzige unsere Wasserflaschen mit ins Stadion nehmen durften.

Überhaupt scheint es sich bei Frauen im Neapoli-Stadion um eine selten gesehene Spezies zu handeln, zu selten, um einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darzustellen. Da ist es nur konsequent, dass von ihnen kein Eintritt verlangt wird, während Männer für die billigste Karte mal eben 15 Euro locker machen dürfen. Dennoch sah ich auf unserer Tribüne ganze drei Frauen, die ich vorher noch nicht kannte. Hochgerechnet auf das ganze Stadion waren also zwölf weibliche unter den insgesamt etwa 1500 Anwesenden. Fußball ist eben doch Männersache. Hier.

Das Stadion in Nikea (Fassungsvermögen: um die 5000) wurde im Zuge einer Generalüberholung vor einigen Jahren vollständig mit Sitzplätzen ausgestattet. Die Leute haben sich allerdings ihre Stehplätze wieder zurückgeholt, simpel und effektiv: mittels Zerstörung der durch permanente Sonnen-einstrahlung spröde gewordenen Plastikschalen.

Den Ultras ist es wahrscheinlich lieber so. Komische Ultras übrigens, die beinahe das ganze Spiel über nicht sangen, dafür aber umso mehr Zeitungsschnipsel und Papierrollen aufs Spielfeld warfen, in die sich die Spieler ein ums andere Mal verhedderten.

Flügelspiel fand über unsere Seite folglich kaum noch statt, bis gegen Ende der ersten Halbzeit jemand auf die Idee kam, während einer Spielunterbrechung den ganzen Müll wegzuräumen. Was wiederum dazu führte, dass neue Kassenrollen auf den Rasen flogen, geschleudert diesmal hauptsächlich von offensichtlich immer noch erlebnisorientierten alten Männern, denen die diebische Freude ob ihrer Schandtaten deutlich anzumerken war.

Das Spiel war höchst mittelmäßig, deutsches Zweitliganiveau würde ich schätzen, mit vielen Fehlpässen vor allem vom Heimteam, bei dem sich einige Akteure derart anfängerhaft anstellten, dass ich allein aus Solidarität zu Ionikos helfen musste. Man kennt das ja irgendwoher. In Punkto Tollpatschigkeit tat sich besonders der junge Mann mit der 24, linker Verteidiger in der Viererkette, hervor. Die Tribüne nannte ihn andauernd malaka. Er hieß aber Pókkas und tat mir leid. Wie hätte ich mich gefreut, wenn er im gesamten Spiel auch nur eine einzige brauchbare Flanke zustandegebracht hätte!

PAOK, Tabellenvierter ohne Ambitionen nach oben, agierte wesentlich abgeklärter und ging mit seiner ersten Chance durch ein Abstaubertor in Führung, nachdem Nikeas Torhüter einen recht harmlosen Freistoß nicht festhalten konnte.

Die mitgereisten Fans feierten lautstark, was fanatische Hasstiraden von der anderen Kopfseite des Stadions provozierte (wie erwähnt beteiligten sich unsere Ultras auf der Gegengerade, abgesehen von der letzten Viertelstunde, nicht an irgendwelchen Gesängen).

An der Mittelmäßigkeit der Partie änderte das Tor allerdings nichts; Ionikos bemühte sich zwar nach Kräften, blieb aber harmlos. Und der Gast aus dem Norden hatte seine beste Szene bezeichnenderweise während einer Spielunterbrechung. Es hatte sich ein Spieler der Schwarz-Weißen verletzt, und was folgte, war der große Auftritt des Mannschaftsarztes; chic sah er aus in seinem gut geschnittenen Anzug, flankiert von seiner persönlichen Assistentin, die des Doktors Instrumentenköfferchen tragen durfte. Ein Mediziner vom alten Schlag: Schwester! Pinzette, Skalpell, Schlüpfer!

Gestärkt mit dem griechischen Pendant zur Stadionwurst, einem Souvlakispieß für einen Euro, harrten wir erwartungsfroh der zweiten Halbzeit - die dann aber so weiterging, wie die erste geendet hatte. An die nun folgende Phase des Spiels sind meine Erinnerungen im gleichen Maße verblasst, wie mir die Sonne an jenem Samstagnachmittag mehr und mehr Farbe ins Gesicht zauberte.

Ich ließ mich zunehmend vom Geschehen ablenken, entdeckte einen kleinen Panathinaikos-Fan mit einer eindeutigen Botschaft auf dem Pulli, beobachtete die Greise, die zum Fußball gehen, weil sie schon immer hingegangen sind, sah die zahlreichen Zaungäste, die das Spiel von ihren Balkonen aus verfolgten, dachte an Obergiesing und fragte mich, was der Präsident von Ionikos wohl für ein Mensch ist.

Ein kräftiges malaka! aus der Reihe hinter mir holte mich in die Realität zurück. Es hatte sich nichts entscheidendes getan. Die Aktionen der Gastgeber wurden jedoch in der Folge etwas zwingender, und etwa 15 Minuten vor Schluss wurde ihr kämpferischer Einsatz mit dem Ausgleichstor belohnt. Dies war der Zeitpunkt, an dem unsere Tribüne kollektiv ausrastete. Auf einmal wurden sie laut, die noch Bart- und die schon Zahnlosen, und auch der Rest. Nun kochte das Blut: Gegnerische Spieler wurden beim Einwerfen angespuckt, die PAOK-Fans mit Schmährufen eingedeckt und der Schiedsrichter bei jeder „falschen“, d. h. nicht im Sinne der Fans getroffenen Entscheidung angefeindet. Jeder Ballbesitz der eigenen Mannschaft hingegen rief einen Orkan der Begeisterung hervor. Trotz einer Großchance kurz vor Schluss hat es für die Gastgeber letztlich doch nicht mehr zum Sieg gereicht, und genauso schnell, wie die Stimmung vorher explodiert war, ebbte sie nach dem Abpfiff ab; bereits fünf Minuten später war die Gegengerade quasi wie leergefegt.

Einer jedoch hatte es scheinbar nicht so eilig, aus dem Stadion zu kommen. Die Dame jedenfalls, die draußen vor dem Haupttor auf ihrem Motorrad saß, wartete wohl noch länger auf ihren Mann: als unser Bus den Ort des Geschehens verließ, war sie immer noch da, stoisch ruhig und cool bis in die Haarspitzen...


Danke, Fußball, für diesen wunderschönen Nachmittag. Efcharistó, Hellas!

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