23.02.03 FC St. Pauli 1910 – 1.FC "Eisern" Union Berlin autor: ghostwriter

Wieder war es mal soweit: auf den Tag genau, nach einem Jahr Abstinez, stand ich (nebst drei weiteren Personen - ein "60er" und zwei eher fußballdesinteressierte Damen, die ebenfalls die lange Reise aus Süddeutschland auf sich genommen hatten) endlich wieder mal vor der Tür des Clubheims des FC St. Pauli. Noch zwei Stunden bis Spielbeginn. Also nichts wie hinein in die rauchige Pinte. Erst einmal gings vorbei an einem netten sächsisch sprechenden jungen Mann, der seinen Sachsen-Leibzig-Schal gegen meinen St. Pauli-Schal tauschen wollte. Ich lehnte dankend ab und wurde sofort als bayerischer Bundesbürger identifiziert. Egal, weiter hinein in die Gaststätte. Hier saßen schon tischweiße die "Eisernen", die merklich sehr angeschlagen wirkten und schon lautstark ihre Kampflieder schmetterten. Wir suchten uns ein ruhiges Plätzchen im hinteren Eck und orderten gleich mal was zu trinken. Ich fing erst mal mit 'nem Alsterwasser an. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, gesundheitlich etwas angeschlagen zu sein. Wir saßen da also so gemütlich, während sich die Kneipe mehr und mehr füllte. Die Stimmung stieg bis zum Sachschaden. Als dann auch noch die grüngewandeten Staatsdiener mitfeiern wollten, wurde es einigen Union-Anhängern zu eng und sie verließen unter lautstarkem Protest und nicht ganz freiwillig die Bier-Tanke. Endlich wieder etwas mehr Ruhe. Dann holte ich mir mein zweites Getränk: ein Holsten. Obwohl ich mich immer schlechter fühlte. Wurscht, erste Anzeichen von Krankheit wurden mit Paracetamol 500 und einem kräftigen Schluck Holsten bekämpft. Mit Erfolg! Fühlte mich gleich besser. Noch eine Stunde bis zum Anpfiff, also los zur Nordkurve. Gerne ließ ich die "Bundeshauptstädter" hinter mir. Richtig sympatisch waren mir die wenigsten. Endlich in der Nordkurve. Strahlender Sonnenschein und ich hatte meine Schirmmütze nicht dabei, sehr ärgerlich. Wird schon irgendwie gehen dachte ich. Nettes musikalisches Unterhaltungsprogramm dröhnte aus den Stadionlautsprechern, das Stadion füllte sich langsam. Die Minuten verstrichen, die Spannung stieg. Noch schnell im Kollektiv und mit tatkräftiger Unterstützung des Stadion-DJ, den Hans-Albers-Klassiker "Das Herz von St. Pauli" in der neuzeitlichen Version getrellert und dann war es endlich soweit. 15.00 Uhr: Anpfiff. Wird der FC St. Pauli an die Leistungen der letzten Spiele anknüpfen können? Es kam anders. Die ersten 45 Minuten hatte ich derart grausam empfunden, da fehlen mir die Worte. Stani und Co. spielten katastrophal. Nichts ging. Vielleicht eine zählbare Torraumszene, ansonsten nur hilfloses Gestochere im eigenen 16er, wie früher dachte ich. Union deutlich am Drücker, aber im Abschluß zu schwach. Bis auf ein paar Ausnahmen. Müller rettete hin und wieder in höchster Not. Es war fast nicht auszuhalten. Ein Wunder, dass die Kiez-Truppe zur Halbzeit nicht schon 3:0 hintenlag. Endlich war Pause. Ersteinmal hinsetzen. Die Paracetamol 500 schien in der Wirkung nachzulassen. Ich fühlte mich deutlich schlechter. Oder lag es vielleicht am Spiel. Anpfiff zur 2. Halbzeit. Sekunden später ein Paukenschlag. Freistoß für St. Pauli. Blank schoß traumhaft aus 25 Metern über die Mauer. Gästekeeper Benckert war noch dran, aber könnte nicht verhindern, dass der Ball in die Maschen einschlug. Wahnsinn, die Braun-Weißen führten 1:0. Was dann kam erinnerte aber wieder sehr an die erste Hälfte. Nichts ging mehr zusammen. Union drückte weiter. Ohne was zu erreichen. Plötzlich aus dem Nichts ein Konter. "Barbapapa" N'Diaye schloß zum 2:0 ab (70. min). Es war wirklich nicht zu glauben, aber wahr. Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich trotzdem weiter. Mir war arschkalt und Rücken und Beine schmerzten. Erste Anzeichen einer Grippe? Das Spiel lief weiter. Union wollte das Spiel noch herumreisen. In der 85. Minute ging N´Diaye unter frenetischem Beifall vom Platz. A. Meier kam. Dann passierte es. Während bereits das ganze Millerntor feierte und sich über die scheinbar gewonnen drei Punkte freute, baute "Iceman" in der 87. Minute Scheiße und Keita schoß zum 2:1 ein. Schöne Kacke. Mein Gesundheitszustand wurde richtig miserabel. Mein Gott, Union wollte unbedingt noch den Ausgleich. Ecke für die Roten, es lief bereits die Nachspielzeit. Veit stand frei vor der 5er-Linie als hätte er die Pocken, bekommt den Ball und knallt in unter die Querlatte. 2:2. Ich war geschockt, sprachlos. Der Schiri pfeift ab. Es war vorbei. Aus sicher geglaubten drei Punkten wurde schließlich nur einer und wenn man ehrlich ist, war der nicht einmal verdient. Aber wenn interessiert das im Abstiegskampf. Schockiert verließen wir und weitere 15000 das Stadion, während die Unioner mit ihren Fans feierten wie die Bekloppten. Wer wollte es ihnen verdenken. Traumatisiert und von Schmerzen geplagt lief ich mit den drei anderen über die Reeperbahn zurück zum Auto. Anschließend traten wir die lange Heimreise in den Süden an. Sieben Stunden Fahrt. Kurz nach dem Elbtunnel hatte ich bereits 39,8°C Fieber.

zurück