16.03.03 1. FC Nürnberg ­ Herta BSC autor: zerstoerer

Im Namen des Club-Volkes

Eigentlich sollte ich ja schon längst auf dem Weg zur Arbeit sein. Aber als ich Michael A. Roth ­ seines Zeichens Präsident des 1. FC Nürnbergs - im ARD-Morgenmagazin erblicke, ist der Job zweitrangig. Aus dieser Situation - neun Spiele vor Schluss vorletzter und zwei Punkte Rückstand auf das rettende Ufer - komme man nur noch mit Klaus Augenthaler, verkündet er. In diesem Moment ist endgültig klar, dass mich der Alkohol am Vorabend doch nicht auf den Holzweg geleitet hat, prost!

Einige Minuten nach Abpfiff stehen immer noch ein paar tausend Fans in der Nordkurve des Nürnberger Frankenstadions und feiern Auge solange mit Sprechchören bis dieser über das Spielfeld zu den Fans läuft. 0:3 hat der Club gerade gegen Hertha BSC verloren. Eine weitere ziemlich desolate Vorstellung.

Umringt von Journalisten bahnt sich der Weltmeister von 1990 seinen Weg zu den Fans und kündigt per Mikrofon kurz zwei Sätze an: "So etwas habe ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt. Ich weiß nicht, ob ich hier weiterarbeiten darf, aber ich würde es gerne tun."

Was für ein dramatischer Abschied, denken sich wahrscheinlich die Paparazzi, in freudiger Erwartung, die Montagsgazetten mit der Entlassung von Klaus Augenthaler schmücken zu dürfen. Einmal lächeln noch Herr Augentaler, blitz, danke das war's.

Zu diesem Zeitpunkt bezweifeln nicht nur sie, dass sich ARO dem Willen der Fans beugen wird. Die haben an diesem Abend eines klar gemacht: "Wir wollen mit Auge notfalls auch in die zweite Liga gehen." Oder noch deutlicher: "Ohne Auge bleiben wir weg, egal ob in Liga eins oder zwei."

Noch während des Spiels ist diese Wendung kaum zu erwarten. Tristesse pur. Was sich schon in Kaiserslautern angedeutet hatte, als nach ca. 60 Minuten die ersten den Block verließen und versuchten, den Mannschaftsbus zu attackieren, setzt sich nun fort. Ein Großteil des Fanblocks inszeniert einen Sitzstreik und schweigt die erste Halbzeit.

Wie können echte Fans ihrer Mannschaft ausgerechnet vor diesem richtungsweisenden Spiel einer offensichtlich völlig verunsicherten Mannschaft die Unterstützung entziehen, frage ich mich.

Und aus welchem Grund? Wegen Kaiserslautern? Wer in der Pfalz dabei war hat zugegebenermaßen einen Grottenkick unserer Clubberer gesehen. Aber es war keine Arbeitsverweigerung, wie man sie vor allem mitte der Neunziger in unserem zweiten Jahr in der zweiten Liga zu sehen bekam.

Wegen dem späten Tor gegen Wolfsburg? Dieses Problem verfolgt den Club schon ewig. Mit verschiedenen Mannschaften und Trainern! Beim Abstieg ´99 wäre der FCN eher im UEFA-Cup als in der Zweiten Liga gelandet hätte es nicht sieben oder acht mal in den letzten 5 Minuten geklingelt.

In der zweiten Hälfte dann Kontrast pur. Die Nordkurve sorgt für einen Hexenkessel. 15 Minuten lang. Dann is wieder Ruhe. Wie peinlich, Leute. Demonstration zweiter Teil gescheitert.

Auch sonst wenig Erfreuliches. Wieder nur 25 000 Fans. Anfang der Neunziger kamen in vergleichbaren Situationen auch gegen auf dem Papier unattraktivere Gegner wesentlich mehr Fans. Einigen, die nicht in Block 7 sitzen und ein Schweigegelübde ablegen, fällt schon lange vor der Halbzeitpause nichts anderes ein als zu pfeifen.

Dafür bilden sich vor den Fressständen endlose Schlangen, die sich auch lange nach Wiederanpfiff noch nicht auflösen. Bier und Bratwurst gibts nämlich heut' zum halben Preis. Kommen Clubfans eigentlich nur noch zum Pfeifen, Saufen und Fressen ins Stadion? Und um auf Stehplätzen sitzend zu schweigen. Hat dieses Publikum Erstligafußball überhaupt noch verdient?

Ja. Denn was dann nach dem Schlusspfiff passiert, lässt es wohl fast allen Fans kalt den Rücken runterlaufen. Sie rehabilitieren sich selbst. Der Club gehört also doch noch zu den wenigen Vereinen, deren Fanszene ein gewisses Charisma hat. Und ein Verein, bei dem von Zeit zu Zeit Dinge passieren, die man für unmöglich hält. In Nürnberg zählt nicht nur Erfolg und Geld. Beides ist ja auch gar nicht vorhanden. Aber die Fans wollen zumindest Kontinuität und lieber mit einem Trainer in Liga zwei, dem sie zutrauen noch weiter Junge Spieler – wie Cacau, Stehle Junior, mit Wolf sogar mal wieder ein Franke – im Profifußball zu etablieren, als mit einem Kraftakt, d.h. neuem Trainer, die erste Klasse halten. Auge wird für ehrliche Arbeit verehrt.

Außerdem zeigt dieses Beispiel, wenn auch für die Weltpolitik nicht ganz so relevant wie der Irakkonflikt, dass die Demokratie noch lebt. Bush sollte mal mit ARO reden. Von dem kann Georgi noch viel lernen. Er ist endgültig von seinem diktatorischen Stil abgerückt. Bush beginnt, die Demokratie gerade auszuhebeln und führt demokratische Abstimmungen, die er verlieren könnte (UN-Sicherheitsrat) gar nicht erst durch.

Jetzt freue ich mich auf die Fahrt nach Stuttgart. Das Ergebnis ist mir irgendwie egal.

Fuck Bush

Euer Zerstörer

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