10.11.02 FC St. Pauli – Greuther Fürth autor: libero

Frankenpower

Sonntag. 10.48 Uhr. Yogi kommt bei mir, nach einem kurzen Irrlauf durch die Türkenstraße, überpünktlich an. Ich biete ihm an, mit ihm unten zu warten, weil uns ja Volker, der Franke, um 11.00 Uhr, nachdem er uns eine SMS geschickt hat, pünktlich abholen will. Wir wollen uns beide eine Zigarette anstecken, da bemerkt Yogi seine fehlenden Blättchen und wir gehen noch mal hoch zu mir um Paper einzustecken und die SMS zu empfangen. Aber diese kommt nicht.

Für alle, die noch nicht wissen worum es geht: Wir wollen zu einem Fußballspiel des FC St. Pauli bei Greuther Fürth und ich verpasse nur sehr ungern etwas von einem Spiel.

Nach ein paar erfolglosen Versuchen das fränkische Handy zu erreichen, setzt ein beklemmendes Gefühl bei mir ein. Das kann nur bedeuten, dass dieser Tag kein sehr entspannter Tag werden wird, falls er überhaupt richtig anfangen darf, d.h. dass wir überhaupt Richtung Fürth fahren. Außerdem könnte es sein, dass wir das Spiel nicht ganz sehen. Das Telefonat mit dem Wikinger bestätigt mich in diese Richtung. Bis um 7.00 Uhr hat das Feiern gedauert. Ich wünschte mich in die Position des MV und stellte mir vor, wie es wäre, einem Verein der ersten Bundesliga, beispielsweise dem 1. FC Nürnberg, die Lizenz zu entziehen.

Es wäre prima!

Während eines Telefonats mit Karl wurde beschlossen, dass Yogi und ich, sozusagen als mobile Wecker, zu Volker geschickt werden und ihn in die Realität zurückholen sollen. "Gesagt - getan" schreibt sich sehr leicht. Natürlich war der mir beschriebene Weg, aufgrund einer Baustelle samt Absperrung, nicht zu nutzen. Aber ich mache sehr gerne Spaziergänge durch das Lehel. Ein sehr schöner Fleck Münchens, vor allem wenn ein St. Martins-Umzug mit 700 Kindern stattfindet.

Wirklich!

Endlich bei Volker angekommen. Ein paar herzhafte Schläge gegen die Tür rissen ihn aus seinen Club-Träumen und brachten ihn in die Realität zurück. Diese sah so aus, dass ich leicht gereizt war und ihm kurzerhand darlegte, dass sein reflexartiges Zähneputzen die Kohlen nicht mehr aus dem Feuer holen wird. Er tat es trotzdem! Nach weiteren verstrichenen Minuten war er dann auch in der Lage zwei Socken anzuziehen. Sogar zwei die wohl zusammengehörten. Große(s) Tennis(socken)!

Volker war sehr schnell davon zu überzeugen, dass nicht er sich hinters Steuer setzen sollte, sondern ich den Fahrer mime. Also auf zum Professor-Huber-Platz an dem wir uns mit Ali, dem Wikinger, und dem zweiten Auto treffen sollen. Von Ali weit und breit keine Spur. Die Parkplatzsuche endet im totalen Halteverbot. Trotzdem erfolgreich! Ali ist nicht zu sehen. Doch in einer modernen Kommunikationsgesellschaft wie der unsrigen stellt das ja wohl kein Problem mehr da. So kann man sich täuschen. Natürlich kann man auch Ali nicht erreichen. Das Mobiltelefon kann man an so einem Tage doch auch mal zu Hause lassen. Klar, warum nicht? Nur ist dieses Vorgehen nicht zu empfehlen, wenn man am Professor-Huber-Platz einfach stehen bleibt und nicht einmal den Versuch startet, die Verabredung zu finden. Was selbstverständlich nicht zum besseren Wohlbefinden selbiger beiträgt. Die Anspannung steigt und mein körperlicher Zustand lässt sich am ehesten mit G-E-R-E-I-Z-T beschreiben. Herrlich!

Mittlerweile ist es kurz vor halb eins. Zur Erinnerung: die Spiele der zweiten Bundesliga beginnen um 15.00 Uhr und man benötigt ca. 2 Stunden nach Fürth oder Nürnberg. Egal! Karl, der Nachtschicht hatte, kommt mit seiner verkaterten Besatzung und dem geliehenen Auto (danke Tom!) an. Natürlich müssen wir noch tanken! Geht ja nicht anders. Den Tankstopp nutzt Tine dazu, an der Tankstelle ein Frikadellenbrot zu ordern. Leider hatten die von der Tankstelle vergessen, das Schwein vorher zu schlachten. Es ist 13.00 Uhr. Yogi entert mit einem Sixpack und Chips das Auto. Auch Volker nimmt sich ein Bier, wodurch ich meine Zahnputzthese im nachhinein eigentlich mehr als bestätigt betrachte. Wir verlassen so ca. zehn Minuten nach eins die Landeshauptstadt München. Leider habe ich die Taube, die waghalsig fliegend meine Fahrbahn kreuzte, nicht erwischt. Schade!

Die Fahrt ins Frankenland gestaltete sich dann ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Yogi fütterte mich, Pfarrer-Fliege-like, mit seinen Chips um meinen Vorwürfen die Stimme zu entziehen. Begleitet wurden wir in erster Linie von Tocotronic und abstrusen Vorwürfen seitens Volker die er gegen die deutsche Telekom vorbrachte. In unserem Volksunternehmen hat er die wahren Schuldigen für unsere Verspätung entdeckt. Welch Provokation! Diesem Argumentationsgang kann aber nur ein Franke folgen. Kurz vor 15.00 Uhr waren wir dann in Fürth und hatten zwei zwielichtige Parkplätze gefunden. Aber wie gesagt, das Spiel beginnt um 15.00 Uhr.

So konnte Karl seinen Plan, eine Stunde vor Spielbeginn bereits im Block zu stehen und sich mit Stoffel zu treffen, begraben. Schließlich mussten wir uns auch noch die Eintrittskarten besorgen. Und da gibt es einigen Nachholbedarf im Frankenland. Vielleicht sollte die EU einmal ein paar Fördermittel bereitstellen und das Verkaufspersonal in dieser Region qualifizieren. Von Warteschlangen-Management noch nie was gehört. Ich zwar auch nicht, aber das tut absolut gar nichts zur Sache, schließlich verkaufe ich keine Eintrittskarten.

Natürlich sahen wir den Anpfiff nicht. Das war ja eigentlich schon um 11.00 Uhr in München klar. Das Spiel des FC St. Pauli passte sich, wie von einer größeren Macht gesteuert, sofort meinem Befinden und dem Verlauf des Tages an. Demzufolge konnte es gar nicht allzu lange dauern, bis wir das erste Tor zu sehen bekamen. Natürlich für die Franken! Die restlichen Minuten bis zur zweiten roten, respektive gelb-roten Karte, für Ofodile war der FC St. Pauli, eigentlich nur körperlich auf dem Platz anwesend. Es war eine Demütigung und hatte mit Fußball nicht das geringste zu tun. Kein Zweikampf wurde gewonnen, kein Pass erreichte den Mitspieler und Torchancen konnten gar nicht vergeben werden. Man zog es vor, sich erst gar keine zu erarbeiten. Auch eine Möglichkeit die Anzahl der Fehler nicht noch weiter ansteigen zu lassen. In der zweiten Halbzeit erzielte Fürth irgendwann, ich will die Minute gar nicht genau wissen, das 2:0 und der FC St. Pauli kam durch ein Gewühl zum Anschlusstreffer. Patschinski, aber egal! Da waren wir aber nur noch zu neunt auf dem Platz. Ich konnte mich gar nicht freuen über dieses Tor, auch wenn es die torlose Zeit beendete und wir so zumindest nicht Gefahr laufen, den Kölner Rekord zu brechen. Obwohl ich es dieser Mannschaft wirklich zutrauen würde.

Festzuhalten bleibt, dass wir das Spiel nicht ganz gesehen haben und dass ich noch nie so pessimistisch dem FC St. Pauli gegenüber eingestellt war. Ich glaube wir können die Liga nicht halten. So ist auch der Wunsch, der mich schon während des Spiels beschlich, zu verstehen, eine Urdroge zu konsumieren, die jegliche Aktivität meines Körpers raubt und mich betäubt, damit ich so was nicht noch einmal ansehen muss. Aber ich werde mich dieser Herausforderung stellen. In zwei Wochen. In Burghausen.

Der Club spielt da in München.
Prima!

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